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Nachruf auf ElisabethTomalin

Tatkraft der Hand, Sehkraft des Auges

Von Gertraud Schottenloher

Elisabeth Tomalin, geb. Wallach, Gründungsmitglied des Instituts für Kunst und Therapie, starb am 8. März 2012 in London, GB, einige Monate vor ihrem 100sten Geburtstag. Sie war eine der großen PionierInnen der Kunst- und Gestaltungstherapie in Europa. Kaum jemand hat die Entwelizatom mediumicklung dieser Disziplin ab den 50er Jahren im deutschsprachigen Raum so geprägt wie sie, in einer Zeit in der diese Disziplin in Deutschland noch fast gänzlich unbekannt war.

Am 4. November 1912 in Dresden in einer jüdischen Familie geboren, emigrierte sie während des 3. Reiches erst nach Paris und dann nach London. Es gelang ihr, ihren Eltern zur Flucht zu verhelfen und ihre drei Geschwister konnten Deutschland ebenfalls verlassen. Sie fand in London eine neue Heimat, heiratete und schenkte einer Tochter das Leben. Bis zu ihrem Tod blieb London mit Tochter, Enkeln und Urenkeln ihr Wohnort, von wo aus sie die ganze Welt bereiste, vor allem um zu lehren. Besonders in Deutschland führte sie unzählige Workshops durch.

Elisabeth Tomalin studierte an der berühmten Reimannschule in Berlin Stoffdesign und Textilkunst. Die künstlerische Grundausbildung ermöglichte ihr später in Verbindung mit einer jungianischen Analyse als Gestaltungstherapeutin in Deutschland in einer Klinik zu arbeiten. Auf der ersten Eranos Tagung in Ascona (I) lernte sie C.G. Jung persönlich kennen, eine Begegnung, die sie nachhaltig beeindruckte und ihre Arbeit beeinflusste.

Sie war seit ihrer Kindheit mit Ruth Cohn, der Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI), befreundet und erwarb selbst Anfang der 70er Jahre die Graduierung in TZI. Davon angeregt entwickelte und praktizierte sie selbt eine themenzentrierte Gestaltungstherapie, die sie seit den 50er Jahren im deutschsprachigen Raum und in England ausübte und lehrte. Diese noch heute in ihrer Art einzigartige Form der Gestaltungstherapie prägte Generationen von Kunst- und Gestaltungstherapeuten. Elisabeth Tomalin, selbst Künstlerin, bezog das künstlerische und gestalterische Element stark in ihre Arbeit ein. Den Überraschungen in diesem Prozess kommt große Bedeutung zu, das Experimentelle, über die eigenen Grenzen hinausgehende wird gefördert, auch wenn es manchmal zu unbequemen Einsichten führt.

Elisabeth Tomalin unterrichtete seit den 70er Jahren regelmäßig an mehreren kunsttherapeutischen Ausbildungsinstituten in Deutschland: Am Institut für Humanistische Psychologie in Eschweiler und von 1979 bis 2007 am Institut für Kunst und Therapie München und an der Akademie der Bildenden Künste München, um nur einige zu nennen. 2007 wurde sie vom Senat der Akademie der Bildenden Künste München zum Ehrenmitglied der Akademie ernannt. Dies war nicht die einzige Ehrenmitgliedschaft die sie innehatte. So war sie unter anderem auch Ehrenmitglied des Deutschen Fachverbands für Kunst- und Gestaltungstherapie. Auch nachdem sie aus Altersgründen 2008 ihre Lehraufträge in München aufgab, blieb sie der Kunsttherapie verbunden. Bis kurz vor ihrem Tod arbeitete sie kunsttherapeutisch mit den Patienten einer homeopathischen Klinik in London.

Die wenigsten wissen, dass Elisabeth Tomalin auch ein beachtliches bildnerisches Werk hinterließ, das 2009 zum erstenmal öffentlich gezeigt wurde. Die Ausstellung “A Searching Journey in Colours“, Paintings and Embroideries by Elisabeth Tomalin, war im Kentisch Town Health Centre in London zwei Monate lang zu sehen. Ihre Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus befinden sich im Jüdischen Museum in Berlin.

Elisabeth Tomalins Kreativität war bis zum Schluss ungebrochen und unerschöpflich, was sich unter anderem in immer wieder neuen, ebenso originellen wie tiefgründigen Themen niederschlug. Sie entwickelte eine spezielle Kunst darin, besondere Themen zu entwickeln, die allgemein gültige wie individuelle Fragen entstehen lassen, Worte, die den Menschen im Innersten bewegen und Prozesse anstoßen, die neue Möglichkeiten eröffnen.

Ihr Geist war bis zum Schluss rege und neugierig, immer bereit etwas Neues auszuprobieren. Als sie bereits über 80 Jahre alt war, wandte sie sich einem neuen Medium zu: dem Sand. Sie benutzte ihn in einer eigenwilligen und ungewöhnlichen Art. Die TeilnehmerInnen arbeiteten in einem riesigen, mehrere Tonnen schweren Sandhaufen, der sie in die Sinnlichkeit, die Traumata und die Weisheit der Kinderjahre zurückversetzte und entsprechend bewegende Erfahrungen zuließ. Diese Qualität entspricht ihrer ersten Erfindung: der Malerei mit Fingerfarben und Kleister, die ebenso die Dimension der sinnlichen Erkenntnis anregt, den Malenden in den Fluss seines Erlebens bringt und in Bereiche jenseits des Verstandes vordringt.

Elisabeth Tomalin war eine beeindruckende Persönlichkeit. Ihr Denken war radikal, global und integrierend. Sie suchte den Phänomenen auf den Grund zu gehen um von dort aus größere Zusammenhänge zu erfassen. Sie sah den Menschen in seiner Möglichkeitsform und als Teil eines großen Ganzen. Sie unterstützte jeden darin, sein Potential zu entfalten, seine Wahrheit zu entdecken und dem Ganzen zu dienen. Ihre geistige Haltung war herausfordernd und unterstützend zugleich. Sie konnte steinerne Herzen zu erlösendem Weinen bringen und es waren gleichzeitig ihre eigenen Tränen über das vergangene unüberwundene Leid des jüdischen Schicksals ihrer Generation, das sich in verschiedenen Formen immer wieder wiederholt. Sie sah es als ihren Auftrag an der Bewußtseinsbildung der Menschen mitzuwirken, und somit der Wiederholung vergangener leidvoller Gewalterfahrung entgegenzuarbeiten, in dem Land, in dem diese im letzten Jahrhundert seinen Ausgang nahm. Es war ihre Größe, sich gerade in Deutschland diesem Auftrag zur Verfügung zu stellen, in ihre alte Heimat zurückzukehren, aber nun nicht als Opfer, sondern als bewusst Handelnde, mit einer Vision vor Augen. Es war ihre eigene Form der Wiedergutmachung an all denen, die nicht das Glück hatten, dem Holocaust zu enkommen.

Sie blieb zeitlebens eine Suchende, was sie nie zur Ruhe kommen ließ, innerlich und äußerlich. So war ihr keine tiefe Zufriedenheit beschert, sondern Rastlosigkeit statt innerem Frieden, gepaart mit einer geistigen Wachheit und einem kritischen Blick. Die Suche nach der Wahrheit brannte wie eine Leidenschaft in ihr und regte viele interessante und eindrückliche Gespräche an. Trägheit war ihr zuwider, körperlich wie geistig. Sich in der Mittelmäßigkeit niederlassen, der Bequemlichkeit nachgeben war nicht ihre Sache.

Es ist die Kühnheit, die Unerschrockenheit, einer Vision ins Unbekannte zu folgen und ihr treu zu bleiben, die ihre Arbeit so tief gehen ließ. Es war ihre Aufrichtigkeit und ihr absoluter Glaube an den göttlichen Funken im Menschen, was ihr Wirken so überzeugend machte. Der Glaube, dass dieser Funke berührt werden kann, dass er vom Einzelnen, vom Ich erfahren werden kann, mit dem anderen, dem Du vertieft und im Wir gelebt werden kann.

In Elisabeth Tomalins Gruppen begannen die Menschen sich selbst und sich gegenseitig besser zu verstehen, ihren Lebensentwurf zu erkennen und den Mut zu finden, ihn bedingungslos zu leben – für sich, für und mit den anderen. Die Ermutigung, dem inneren kostbaren Schatz treu zu bleiben, strahlte Elisabeth Tomalin aus, weil sie es selbst lebte.

Ihre Arbeit ging an die Wurzeln, an den Ursprung und wirkte dort nachhaltig, auch durch die Bilder, die entstanden. Für viele Kunsttherapeuten war ihre Arbeit wegweisend, nicht zuletzt deshalb, weil sie dem Gestalten großen Raum gibt und alle Erfahrung darauf aufbaut. Es wurde mit allen Sinnen gemalt, getont, im Sand geformt, in die dritte ja in die vierte Dimension gegangen.

Dieser Prozess drang in Räume vor, in denen sich eine tiefe Weisheit äußert, in den Bildern und in der damit verbundenen Intuition. Eine Mitarbeiterinnen von Elisabeth Tomalin nannte sie einmal eine Seherin. Tatkraft der Hand, Sehkraft des Auges nannte sie es selbst.

Gerade heute werden Menschen wie Elisabeth Tomalin gebraucht, um den großen Irreführungen etwas entgegenzuhalten und um das Wissen um unsere eigentliche Bestimmung lebendig zu halten.

Viele Kunst- und Gestaltungstherapeuten haben im Lauf der Jahre von Elisabeth Tomalin gelernt, sich Anregung, Unterstützung, Ermutigung geholt. Doch sie selbst blieb bescheiden im Hintergrund, während sie mit ihrer außergewöhlichen Persönlichkeit und ihren Einsichten die Menschen inspirierte und zu höheren Visionen anregte. Sie sah sich als Vermittlerin, als „das Papier, auf dem es geschieht….“ (Zitat eines Mitarbeiters von Elisabeth Tomalin).

Dieser Nachruf ist eine Möglichkeit, Elisabeth Tomalin für ihren ganz eigenen, einflussreichen Beitrag zur Kunsttherapie zu danken, für viele originelle Anregungen, viele persönliche bereichernde Augenblicke und Erfahrungen während 34 Jahren freundschaftlicher Beziehung. Ihr universeller Geist lebt weiter in unzähligen Erinnerungen ihrer vielen Schüler und in dem „Papier, auf dem es geschieht“.

 

Ich möchte mit einer Auswahl aus Elisabeth Tomalin‘sThemen schließen:

 

Dimensionen meines Lebens

Ich bin ein Stein – ein Fels, ich sehe Leben –

Ich spüre Glück, Leid und Schmerz, ich lebe mein Leben

Ich bin ein Teil von unserer Mutter Erde

Ich bin ein Verwandter der Sterne.

Mein Lebensbaum

wird ernährt und bewegt von Sonne, Regen und Wind

Exodus, eine zeitlose Geschichte

Meine Lebenswirklichkeit

Verlust, Tod, Verwandlung, Schöpfung

Überschreitung der Trauer

Die Kunst zu leben, zu lieben, zu sterben

Wer bin ich geworden

Auf dem Weg ins Morgen?

Leiden – Freuden, fluchen – segnen

Traum und Wirklichkeit

Loslösen, ablösen,

Mut, den Weg des sich selbst Erlösens suchen –  

Das Vergangene Akzeptieren, das Neue wagen...

Was geht zu Ende, was ist zu Ende?

Das Neue steht vor der Tür:

Durchgang auf eigene Gefahr

Ausrufezeichen!

Fragezeichen?

Dieser Nachruf wurde in der Fachzeitschrift Kunst und Therapie, Heft 1,

Jahrgang 2012 veröffentlicht.

Foto: Anna E. Stärk

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